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Das neue DARC-Notfunkkonzept – Ein Wolkenkuckucksheim


Noch im März 2021 verstand der deutsche Amateurfunkverband unter Notfunk lediglich Hilfsdienste für die BOS-Dienste wie Feuerwehr, THW usw. [57]. Mittlerweile wurde da eine Menge Energie investiert, um ein Wolkenkuckucksheim zu entwerfen, das im luftleeren Raum schwebt und viel zu groß ist für einen Verband, der sich für Verbandszeitschrift und Öffentlichkeitsarbeit noch nicht mal einen gelernten Journalisten leisten kann.

Analysieren wir mal einige Punkte um zu zeigen, wo das Konzept viel zu kurz gedacht ist. Das möchte ich am Organigramm des Konzepts aufhängen, das für Mitglieder unter https://www.darc.de/der-club/referate/notfunk/konzept/organisation/ zugänglich ist.

Warum die Anforderung der Dienste nicht funktionieren kann

Notfunk anfordern

Dieser Ausschnitt zeigt, wie undurchdacht das Konzept ist: Neben den bekannten BOS-Diensten werden hier die Kommunen genannt, die das, wenigstens in Bayern, ganz sicher nicht tun werden [61]: Sie sind dafür laut Gesetz nicht zuständig. Für den Katastrophenschutz sind die Landratsämter zuständig, von denen aber wohl kaum eines überhaupt vom DARC weiß. In den anderen Bundesländern wird das wohl ähnlich organisiert sein.

Ach ja: Die BOS-Dienste wollen von uns schon lange nichts mehr wissen, weil sie durch ihren Digitalfunk ihre Kommunikationsprobleme selber lösen können – zumindest bis ihnen der Sprit für die Stromerzeuger ausgeht. Das Notfunk-Konzept des DARC hängt an dieser entscheidenden Stelle also vollständig in der Luft.

Vorher muss der DARC sich also in die Niederungen des deutschen Föderalismus begeben und sich über diverse Ebenen von den Landes-Innenministerien bis zu den Katastrophenschutz-Beauftragten durchkämpfen. Hier müssen die Distrikte und OVs aktiv werden und beispielsweise ihre Beziehungen zu den lokalen Bürgermeistern spielen lassen. Wenn mehrere Bürgermeister eines Landkreises den Landrat auf das Thema ansprechen, wird der vielleicht beim unbequemen Thema Katastrophenschutz aktiv. Das funktioniert aber nicht, wenn der OVV alleine antanzt. Dazu braucht man eine Vernetzung in der Gemeinde, weit über die lokalen OMs und YLs hinaus. Es gibt vereinzelt Gruppen, die sich um Katastrophenvorbereitung in ihrer Gemeinde Gedanken machen. Ich gehöre zu einer.

Fazit: Als erstes braucht der DARC ein Konzept, wie er geeignete Ansprechpartner in der Fläche findet. Ein erster Schritt wäre eine Handreichung für Distriktsvorsitzende und OVVs.

Die interne Kommunikation ist zu labil

Notfunk informieren

Schon die erste Alarmierungsebene ist zu labil: Spätestens wenn der Großraum Kassel von einem Stromausfall betroffen ist, funktioniert nach diesem Konzept nichts mehr. Hier muss eine Rückfallebene her, wofür sich Betriebsarten wie Winlink und JS8Call eignen.

Diese Infrastruktur wäre ein ganz großes Argument: Bei uns funktioniert die bundesweite Alarmierung selbst bei einem Blackout. Jedes Mitglied dieser Ebene bekommt einen ganz einfachen Kurzwellentransceiver wie den QDX von QRP-Labs mit max. 10 W Ausgangsleistung, den er notfalls an ein paar Metern Draht vor dem Fenster betreibt. Als Computerei reicht ein Raspberry Pi und ein Smartphone. Der Strombedarf ist ausgesprochen übersichtlich.

Fazit: Wir haben optimale Voraussetzungen, die Alarmierungsketten gegen alle möglichen Formen von Katastrophen zu härten. Dazu brauchen die Katastrophenstäbe aber die lokale Adresse eines Funkamateurs, der die oben erwähnten Anforderungen überhaupt nach Baunatal übertragen kann.

Der Aufwand wäre astronomisch

regionaler Einsatztrupp

Bei diesem Bild für einen regionalen Einsatztrupp kam ich endgültig zur Erkenntnis, dass da ein paar Leute entweder größenwahnsinnig wurden oder ihren Spieltrieb nicht mehr in den Griff bekamen.

Das erste Projekt in diesem Rahmen verweist auf letzteres [67], [68]: Als erstes wurde ein riesiger Pickup mit V8-Motor und 340 PS angeschafft – wer kann sich so ein Männerspielzeug denn privat leisten? Und wer trägt die Unterhaltskosten? Und das ganze dann mal x für x ähnliche Fahrzeuge?

Selbst wenn der DARC für den Aufbau genug Spenden- und Förderungsgelder auftun könnte: Vielleicht 20 solche Trupps wollen unterhalten werden. Das zugehörige Personal muss ausgebildet werden und regelmäßig üben. Das erfordert hauptamtliches Personal, das der DARC nicht finanzieren kann.

20 Trupps zu je fünf Fahrzeugen wären insgesamt 100 Fahrzeuge. Im Schnitt müsste jede Woche eines zum TÜV. Wenigstens einmal im Jahr muss jedes Fahrzeug gewartet, geprüft und aktualisiert werden. Den Fuhrpark kann man auch nicht einfach auf die Straße stellen – sonst stehen schnell zwei Autos mehr da. Kurz: Das kann nichts werden!

Das heißt nicht, dass ich gegen entsprechende Fahrzeuge wäre. Das darf aber keine undurchdachte Materialschlacht werden. Beispielsweise die Gruppe Stromversorgung ist völlig überflüssig: Wenn eine Gemeinde meint, sie wolle ihre Bürger im Notfall mit Strom versorgen, soll sie ihrer Freiwilligen Feuerwehr ein Notstromaggregat finanzieren. Das gehört nicht zu unserer Kernkompetenz. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir USB-Lademöglichkeiten anbieten können.

Wenn wir auf dicke Kurzwellenstationen verzichten, brauchen wir keine dicken Stromversorgungen. Ich überbrücke mit VARA und 10 W an einer höchst ungünstig aufgehängten Windom auch tagsüber auf 80m 200 km.

Wie ein Notfunk-Anhänger des DARC grundsätzlich aussehen könnte, beschreibe ich hier. Dazu braucht man aber ein Grundkonzept, wie ich es unten beschreibe. Das Notfunkreferat tut QRP-Betrieb als grundsätzlich ungeeignet ab und geht dabei wohl von SSB aus.

Kompletter Internetzugang ist unmöglich

Das Notfunkkonzept des DARC ist auch deshalb so aufwändig, weil es im Katastrophenfall einen mehr oder weniger normalen Internetzugang ermöglichen will. Das scheitert schon allein daran, dass Amateurfunk in offener Sprache abgewickelt wird. Ausnahmen davon gibt es nicht.

Eine denkbare Alternative: Man nutzt nur das spezielle Wissen mancher Funkamateure, um in den ISM-Bereichen ganz normales WLAN nach ISM-Regeln abzuwickeln. Das bedeutet u.a. Beschränkungen der Strahlungsleistung, die alles noch viel schwieriger machen. Im Blackout gibt es aber keinen Übergang ins Internet mehr und es geht ohne Amateurfunk per Kurzwelle oder Satellit garnichts mehr – außer man nutzt, wie im Ahrtal, Starlink-Stationen. Dann braucht man aber den Amateurfunk nicht.

Was ich für machbar halte ist eine Art Webmail, ähnlich wie das KM4ACK schon für Winlink verwirklicht hat [62]. So könnte die Bevölkerung Emails verschicken und empfangen und wir können in der Oberfläche klar machen, dass es um Notfallbetrieb ohne Datenschutz und Fernmeldegeheimnis geht. Das wäre auch so sparsam im Datenverkehr, dass man einzelne Endknoten aus einem Raspi mit einem APRS- oder LoRa-Modul und passender Stromversorgung aufstellen kann, die auch ohne freie Fresnelzone funktionieren. Wer hier über die Datenraten lästert, sollte mal über den Internetzugang per Winlink nachdenken. Viele Mails laufen im Ernstfall sicher innerhalb des Netzes. Aber alles darüber hinaus wird entweder per WLAN oder Winlink weitergeleitet. Winlink, egal ob auf Kurzwelle oder über QO100, erreicht ein paar kbit/s.

Ach ja: Das FIDOnet zeigte schon vor 40 Jahren, dass man Nachrichten per Store&Forward ein Vielfaches effizienter übertragen kann, als das SMTP und ähnliche Internetprotokolle können. Die FIDOnet-Standards und der C-Quellcode vieler damals benutzter Programme sind Open-Source und sicher noch im Internet zu finden. Dazu gehört auch ein FIDOnet-Internet-Interface (GIGO). Ich schlage vor, für die Funkschnittstelle die ganzen Internet-Zöpfe abzuschneiden, beispielsweise unnötige Abstraktionsebenen wie Ethernet mit seiner unbrauchbaren Paketlänge und TCP/IP mit den langen Paket-Headern. Selbst einen effizienten Aktualisierungsalgorithmus für die Teilnehmerliste (Nodelist) gibt es fix und fertig. Wer diesen Weg verfolgen will, darf sich gerne an mich wenden. Ich hatte mal die FIDOnet-Adresse 2:246/14.

Einen Email-Account in diesem System kann sich jeder leicht mit dem Smartphone einrichten. Die dabei benutzten Passwörter gehen nur über das ISM-WLAN. Die Amateurfunk-Strecken von Zugangspunkt zum Notfunktrupp übertragen höchstens die daraus erzeugten Hashwerte. Aber das ist nur nötig, wenn die Email-Accounts über Endpunkte hinweg nutzbar sein sollen.

Hier schreibe ich nicht über ein Hirngespinst von mir, wie das Meshtastic-Projekt beweist [65], [66].

Wie sähen Alternativen aus?

Es gibt genug Baustellen, mit denen man in Katastrophenfällen große Wirkungen erzielen könnte. Das beginnt damit, dass man ausgewählte Relaisstellen und andere Infrastruktur wie HAMNET-Knoten mit Notstromversorgungen versieht, die wenigstens mit eingeschränktem Betrieb 1-2 Wochen durchhalten.

Praktisch alle andere Infrastruktur, von der TETRA-Feststation bis zum Krankenhaus, hat Notstromversorgungen für maximal 2-3 Tage. Dann brauchen sie Treibstoff, der entweder nicht angeliefert werden kann, siehe Ahrtal, oder das Tanklager nicht verlassen kann. Gründe dafür sind beispielsweise, dass das Tanklager selber auf ziemlich viel externen Strom angewiesen ist oder die Tankwagen z.B. wegen liegengebliebener Fahrzeuge ihre Ziele nicht erreichen können.

So viel Nachrichtenverkehr wie irgend möglich müsste per Store & Forward befördert werden. Sprachverkehr sollte auf die lokale Ebene begrenzt werden, damit jeder Funkamateur mit seiner Handfunke helfen kann. Für überregionalen Sprachverkehr sind unsere Bänder viel zu schmal. Praktisch jeder hat heute ein Smartphone, mit dem er Emails verfassen und empfangen kann. Im Format nur Text sind die meisten Mails brutto unter 10 kB groß.

Der Schwerpunkt muss auf Betriebsarten von APRS bis LoRa liegen, die ihre Daten zwar recht langsam übertragen, das dafür aber automatisch, mit geringem Strombedarf und ohne dass der Betreiber ständig dabei sein muss.

...und das Wichtigste zuletzt!

Das alles funktioniert nur dann, wenn alle Beteiligten persönlich auf einen Katstrophenfall vorbereitet sind! Daszu gehört eine geeignete Vorratshaltung für die ganze Familie – vom Wasser (3 l pro Tag und Person) über haltbare Nahrungsmittel bis zu einer ausreichenden Energieversorgung (Campingkocher, Batterien, Solar-Notstromversorgung usw.). Über hinreichende Kommunikationsausrüstung brauche ich in diesem Kreis nicht zu sprechen. Was ich unter all dem verstehe, habe ich in dieser Website ausführlich dokumentiert.

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Alexander von Obert * http://www.dl4no.de/thema/dasneued.htm
Letzte Änderung: 18.06.22 (Hinweis auf Meshtastic ergänzt)


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