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Katastrophenvorsorge


Das Leben ist eines der Gefährlichsten. Natürlich ist es sinnlos, jetzt vor allem Angst zu bekommen. Aber mit durchaus begrenztem, geistigem und materiellem Aufwand kann man vermeiden, in so manches absehbares Loch zu fallen. Diesen Text erweitere ich laufend. Die Verweisnummerierung ist chronlogisch.

Zu den wahrschenlichsten Auslösern von großräumigen Katastrophen zählen Probleme im europaweiten Stromnetz. Die konkreteste Gefahr sind aktuell Cyberangriffe auf die Steuerungs-Infrastruktur. Im Mai 2021 legten Kriminelle eine Pipeline lahm, die für die Versorgung der US-Ostküste enorme Bedeutung hat. Da kann man nur hoffen, dass in Europa die Steuerungsinfrastruktur der Energieversorger besser geschützt ist. Bei uns greifbar ist die Zahl der Eingriffe, mit denen die Stromnetzbetreiber das europäische Verbundnetz stabil halten [17]. Wenn die schon im Routinebetrieb so häufig nötig sind – was kann dann noch getan werden, wenn eine Fehlerkette losbricht oder ein Orkan wütet?

Auch Sonnenstürme können einen Blackout auslösen [18], der besonders fatal werden kann: Teile des Stromnetzes wie große Transformatoren können zerstört werden. Erstmals wurde dieser Effekt im Jahr 1859 beobachtet, beim Carrington-Ereignis [19]. 1989 löste ein Sonnensturm in der Region Quebec einen Blackout aus, von dem sechs Millionen Menschen betroffen waren.

Recht glimpflich ging auch der Stromausfall in Berlin-Köpenick [6] im Februar 2019 ab: Nach 31 Stunden gab es überall wieder Strom und im Zweifelsfall konnte man ein paar Kilometer weiter ganz normal einkaufen. Trotzdem musste die Intensivstation des Krankenhauses geräumt werden. Wäre der Stromausfall großflächig gewesen, hätte es vermutlich Tote gegeben.

Am 21. Mai 2021 um 3:50 h kam es im Münchner Osten zu einem Stromausfall, der u.a. 20.000 Haushalte für Stunden bis Tage vom Strom abschnitt. Die Folgen waren ähnlich wie in Köpenick. Das Neue war, dass es sich wohl um einen Terrorangriff aus politischen Gründen handelte. Gegen solche Angriffe sind wir weitgehend schutzlos: Wir können nicht an jeden Hochspannungsmasten eine Wache installieren.

Die Gefahr wird auch durch die Energiewende deutlich größer, denn wir brechen gerade den stabilsten Teil unserer Stromversorgung ab, ohne dafür geeigenten Ersatz aufgebaut zu haben. Beispielsweise wurde im Jahr 2006 eine Hochspannungsleitung in Norddeutschland abgeschaltet, um auf der Ems ein neues Kreuzfahrtschiff aus der Werft ins Meer zu bringen. Durch eine Verkettung von Zufällen löste das einen Stromausfall bis nach Spanien aus. Zum Glück konnten die Probleme innerhalb einer halben Stunde behoben werden – dank des großen Netzes, das den Störfall auffangen konnte.

Am 8. Januar 2021 schrammten wir haarscharf an einem großflächigen Stromausfall vorbei [1], [2], der beispielsweise am Flughafen in Wien Schäden von über 200.000 EUR verursachte [10]. In Deutschland blieben wir von den Auswirkungen verschont, weshalb das Ereignis in der hiesigen Presse weitgehend unerwähnt blieb. Auslöser war die Überlastung eines Umspannwerks in Kroatien, wohl ausgelöst durch die Abschaltung diverser AKW für Wartungszwecke in Frankreich und einer Kältewelle in Spanien. Das europäische Stromnetz konnte nur noch durch Lastabwürfe in Italien und Frankreich stabilisiert werden, wo Großverbrauchern wie Industriebetriebe buchstäblich von einer Sekunde auf die andere der Strom automatisch abgeschaltet wurde. So standen in Südost-Europa und der Türkei die Leistung von mehreren AKW oder großen Braunkohlekraftwerken zu viel zur Verfügung, die in West- und Mitteleuropa fehlten. Natürlich führte diese Maßnahme zu Produktionsausfällen und Schäden in den betreffenden Betrieben. Aber solche Maßnahmen sind für genau solche Notfälle zulässig.

Am 17.05.21 um 16:34 h (MESZ) fielen im größten polnischen Braunkohlekraftwerk 10 der 11 Blöcke aus [15], [16]. Die Ursache war wohl wie im Jahnuar die Notabschaltung eines Umspannwerkes, diesmal in der Nähe der Kraftwerksblöcke. Deshalb gingen 10 Blöcke gemeinsam vom Netz. Dieses Kraftwerk erzeugt 20% des in Polen verbrauchten Stroms. Ich habe so meine Zweifel, dass das europäische Verbundnetz so ein Ereignis in zwei Jahren noch so wegstecken kann, wenn in Deutschland zahlreiche weitere Kraftwerke vom Netz gegangen sind. Denn ohne Strom aus den Nachbarländern wäre das polnische Stromnetz zusammengebrochen.

BBK-Notfallbroschüre

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)

Das BBK ist die einschlägige Bundesbehörde für die Katastrophenvorsorge. Für uns am wichtigsten ist deren Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen [12]. Wer ihn nicht herunterladen will, kann sie auch kostenlos anfordern. Diesen Tipp kann man auch seiner eigenen Gemeinde geben :-)

Es lohnt auf jeden Fall, sich mal eine Stunde Zeit zum Lesen zu nehmen und passende Maßnahmen zu ergreifen. Wichtig ist vor allem, dass man jederzeit zwei Wochen ohne Einkäufe, ohne Strom und ohne Wasserversorgung auskommt. Vor allem ein Stromausfall kündigt sich nicht an.

Ein paar grundlegende Gedanken

Wenn man im Internet nach Prepper sucht, wird man eine Menge einschlägige Websites finden. Irgendwo in Ostdeutschland haben sich zwei Männer einen ehemaligen NVA-Bunker gekauft und bauten den für den Rückzug bei Katastrophen aus. In den USA gibt es im Umkreis der Mormonen Firmen, die angeblich 30 Jahre lang haltbare Konserven in 5-l-Büchsen verkaufen. Man kann auch Pakete mit einem Monatsvorrat an Konserven für reichlich viel Geld kaufen. Wer mal bei der Bundeswehr war: Es gibt immer noch EPAs (Einmannpackungen) zu kaufen – auch nicht gerade billig. Bohrt man noch etwas tiefer, stößt man auf Gruppen mir ziemlich unappetitlichen Vorstellungen. Die freuen sich auf die Zeit, wenn die staatliche Ordnung zusammenbricht und sie tun und lassen können, was sie wollen. Waffeneinsatz eingeschlossen.

Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen: Mit etwas Nachdenken kann man zwei Wochen ohne Einkaufsmöglichkeiten überstehen, ohne dass das Unmengen an Geld kostet. Das größte Problem ist für viele wohl der Platz, den sie für die Vorräte brauchen. Notfalls kann man 5 kg Spaghetti und 20 Gläser Nudelsoße aus dem Sonderangebot kaufen und einlagern. Dann hat so 40 Portionen im Schrank liegen. Dieser Vorrat ist mindestens 2 Jahre haltbar. Es genügt also, 1-2 Nudeltage im Monat einzulegen, damit davon nichts schlecht wird. Zum Kochen der Nudeln muss man noch nicht mal sowieso zu knappes Trinkwasser nehmen: Für den Gebrauch wird es sowieso abgekocht. Ein Stück Parmesan wird auch ohne Kühlung nicht gleich schlecht. 1-2 Pakete Salz kosten kaum was und nehmen wenig Platz weg. Aber an einem Camping-Gaskocher führt kein Weg vorbei.

Und jetzt?

Wenn Sie sonst nichts tun, dann sehen sie bitte in die Verweise ganz unten rein! Ich habe mich um möglichst seriöse Quellen bemüht. Als Elektrotechnik-Ingenieur und nach zwei Jahren Projektarbeit für einen Energieversorger habe ich bei vielen Fragen die nötige Fachkompetenz.

Der Rest dieses Kapitels wendet sich an zwei Zielgruppen:

  • Ganz normale Mitbürger, die ich auf die Gefahren hinweisen will und dazu einiges erkläre. Das sind die ersten Unterkapitel, die über die Navigationsleiste links zugänglich sind.
  • Funkamateure und andere Menschen, die von Kommunikationstechnik im allgemeinen und Funktechnik im besonderen etwas Ahnung haben. Ich beschreiben Vieles, für das man eindeutig keine Amateurfunk-Lizenz braucht, aber schon mal ein Funkgerät in der Hand gehabt haben sollte.

Vieles ist ganz einfach und nachvollziehbar. Aber wenn der Strom erst mal weg ist, ist die Zeit für die Vorbereitungen vorbei. Auch wer sich als Funkamateur schon mit Notfunk beschäftigt hat, dürfte das eine oder andere Aha-Erlebnis haben.

Verweise

[1] Futurezone.at: Ursache für Großstörung im europäischen Stromnetz bekannt
Eine genauere Beschreibung des Beinahe-Blackouts am 8. Januar 2021, der das Ereignis auch in den Zusammenhang einordnet.
[2] APG.at: Frequenzabfall im Europäischen Stromnetz am 8.1.2021 / Erste Analyse
Eine Analyse des Ereignisses durch den Österreichischen Stromnetzbetreiber – kompetenter geht wohl nicht mehr.
[3] Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag: Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung (erschienen 2010, aktualisiert 2019)
[4] Bundesrechnungshof: Energiewende – Bund steuert Energiewende weiterhin unzureichend
[5] Outdoor Chiemgau: Energiewende: Vernichtender Bericht des Bundesrechnungshofs
[6] Tagesspiegel vom 21.02.2019: Der größte und längste Stromausfall in Berlin seit Jahrzehnten
Ein Bericht über den Stromausfall in Berlin-Köpenick
[7] Wikipedia: HGÜ Gotland
Artikel über eine der ersten HGÜ-Verbindungen. Unterwasser.Wechselstromkabel können aus technischen Gründen nicht länger als etwa 20 km gemacht werden. Technisch ausgedrückt: Die Kabelkapazität wird so hoch, dass das Kabel am Eingang seinen maximalen Strom zieht, aber am anderen Ende nichts mehr entnommen werden kann. Diese Blindleistung muss mit großen Drosseln kompensiert werden, was unter Wasser nicht möglich ist.
[8] MDR: Plötzlich dunkel
Eine Sendung aus dem Jahr 2019. Mit dem BBK, mit Beispielen aus dem Großraum Berlin: Feuerwehr, Stadtwerke, Netzbetreiber usw. Da sieht man vieles, was ich in diesem Kapitel beschreibe – beispielsweise den Kaltstart von Kraftwerken.
[9] Der Standard: Blackout: Übersteht Österreich einen Stromausfall?
Die Kernthese des Videos stammt vom Östereichischen Bundesheer: Ein Blackout ist der wahrscheinlichste Krisenfall in den nächsten 5 Jahren.
[10] Servus TV Reportage, 29.04.2021: Blackout – Kein Plan für den Notfall
Der Film spielt weitgehend in Österreich, dreht sich aber um das gleiche Stromnetz. Dadurch tun sich aber die Experten leichter, über den Aubbruch des deutschen Kraftwerksparks Klartext zu reden.
[11] Leschs Kosmos: Voll geladen: neue Speicher für die Energiewende (ZDF, 05.05.2021)
Prof. Lesch geht hier dem Dilemma nach, dass wir regenerative Energie kaum speichern können.
[12] Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Karastrophenhilfe
Auf dieser Seite kann man den Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen herunterladen oder gedruckte Exemplare kostenlos anfordern. Das ist die Basis für alle Katastrophenvorbereitungen!
[13] Martin Funkenschuster: Warum der nächste Blackout länger dauert!
In diesem Youtube-Video erkärt ein Fachmann, warum die vielen kleinen Solaranlagen das neue Hochfahren des Stromnetzes so enorm erschweren.
[14] Outdoor Chiemgau: Hilfe vom Staat in einer Krise/Blackout? Bsp Nahrung für alle? Infos vom BBK
Stefan, der Betreiber dieses Youtube-Kanals, hat als THW-Mitarbeiter vertiefte Kenntnisse bei diesem Thema. Seine politische Ausrichtung ist sicher nicht jedermanns Sache, aber er kann verständlich und kenntnisreich argumentieren. Ihn als Katastrophenpropheten abzutun wäre eindeutig falsch.
[15] IWR: Stromversorgung gefährdet – Polnisches Braunkohle-Kraftwerk Belchatów fällt fast vollständig aus
In deutschen Medien waren hierzu kaum Meldungen zu finden, so dass ich auf das Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR) zurückgreifen musste.
[16] Spiegel online: Netzbetreiber meldet erneut Frequenzabfall im europäischen Stromnetz
Diese Meldung stellt zwar die Verbindung zum 8. Januar her, ist aber ohne technischen Inhalt.
[17] Industrienagazin: Noteingriffe ins Stromnetz kosten Deutschland schon 1,4 Mrd. Euro (27.04.2021)
Erst mal ist symptomatisch, dass man viele Informationen eher in Österreich denn in Deutschland findet, obwohl es um ein deutsches Thema geht. Der Artikel thematisiert zwar vorzugsweise die Kosten, die durch die vorübergehende Abschaltung von regenerativen Quellen ausgelöst werden. Trotzdem wird deutlich, wo die zentralen Probleme liegen: Es gibt zu wenig Leitungskapazitäten und zu wenig Speichermöglichkeiten, um auch nur kurzfristes Überangebot abzufangen. Dabei bräuchten wir eigentlich Speicherkapazitäten, mit denen wir im Sommer verfügbare Energie bis zum Winter aufheben könnten.
[18] ARTE, Doku Reloaded: Sonnenstürme – Die rätselhafte Gefahr
Ein ernster Mechanismus für einen Blackout wird von Sonnenstürmen ausgelöst: Starke Ströme von geladenen Partikeln treffen auf das irdische Magnetfeld und verformen es. Das führt nicht nur zu Nordlichtern auch bei uns, sondern sorgt für schnelle Änderungen des irdischen Magnetfelds. In langen Leitungen induzieren diese Magnetfeldänderungen hohe Spannungen, die selbst die Infrastruktur von Hochspannungsleitungen zerstören kann. Der Austausch von Höchstspannungstransformatoren ist ein äußerst langwieriger Prozess: Selbst wenn irgendwo Ersatz stehen sollte, was hinreichend unwahrscheinlich ist: Das sind unhandliche Kolosse mit 100 t Gewicht und mehr. Bis man den Schwertransport organisiert hat, hat an auch die Wand abgebrochen, hinter der der Transformator steht. Satelliten können von Sonnenstürmen zerstört werden. Die Deformationen der Ionosphäre stören beispielsweis die GPS-Signale, was die Navigation speziell bei Flugzeuten empfindlich stören kann.
[19] Wikipedia: Das Carrington-Ereignis
1859 gab es noch keine Elektronik im heutigen Sinn, aber es gab bereits Telegraphenlinien. Ausgelöst durch einen Sonnensturm sprangen in Telegraphenstationen so heftige Funken über, dass die dort beschriebenen Papierstreifen in Brand gerieten. Polarliechter gab es damals selbst noch auf der Höhe von Rom.
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Alexander von Obert * http://www.dl4no.de/thema/katastr0.htm
Letzte Änderung: 07-11.06.21 (Erstfassung)


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